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Horror (diverse)



Joe Schreiber

Untot

rezensiert von Thomas Harbach

Joe Schreiber hat als Ghostwriter und Koautor bereits an zahlreichen Romanen mitgewirkt. Nach vielen Reisen hat er sich mit seiner Familie in Pennsylvania niedergelassen. Nach "Chasing the Dead" erschien "Eat the Dark". Auf seiner Homepage tituliert er sich selbst als Horrorautor mit zwei Kindern, die Affinität zur eigenen Familie gehört aber spätestens seit Stephen King zu den Markenzeichen von Horrorautoren. Sein erster Roman „Chasing tue Dead“ beginnt wie ein Thriller und erinnert zumindest zu Beginn in Hinblick auf seine Konsequenz und stringente Handlung, den Horror, der aus einer alptraumartigen, aber täglichen möglichen Situation entsteht eher an Richard Laymon als den obligatorischen, auf dem Backcover zitierten Stephen King.

Ein Junge und Mädchen töten in dem Prolog einen Mann und begraben ihn unter einer Brücke. Anscheinend hat er den Tod verdient, auch wenn die eigentlichen Motive noch im Dunklen bleiben. Ein Schnitt auf die Gegenwart des Romans folgt, die fast zwanzig Jahre zwischen Prolog und Handlungsbeginn werden elegant übersprungen. Aber der Leser ahnt schon, dass niemand seiner eigenen Vergangenheit entkommen kann.

Eigentlich will Sue Young bald Weihnachten feiern, als sie am 21. Dezember nach Hause zurückkehrt. Sie lebt in Concord, ein paar Meilen außerhalb Bostons, und wartet schon sehnsüchtig auf ein Wiedersehen mit ihrer anderthalb Jahre alten Tochter Veda. Ein Kindermädchen passt auf Veda auf, während sie arbeitet. Ihr Mann hat Sue Young im letzten Jahr verlassen. Er hat ihr allerdings seinen ganzen Reichtum hinterlassen. Doch das Haus ist leer.

Ein Unbekannter ruft Sue zu Hause auf ihrem Handy und fragt sie nach ihrer Tochter. Sie sei ja so süß! Er hat Veda entführt. Sie verspricht dem Mann, alles zu tun, was er verlangt, nur soll er ihrer Tochter nichts tun. Bis zum Morgen soll sie eine Reihe von Aufgaben erfüllen. Das beginnt damit, dass sie eine Leiche ausgraben soll. Den Leichnam des Mannes, den sie zusammen mit ihrem Ehemann vor mehr als zwanzig Jahren verscharrt hat. Der Kreis hat sich scheinbar geschlossen. Woher weiß der Unbekannte am Handy nicht nur von der Tat, sondern vor allem auch von der Grabstelle? Danach findet sie den verstümmelten Körper ihres Kindermädchens im Wagen. Mit dem Zettel „bestraft“ auf die Brust geheftet. Der Zettel ist eine Straßenkarte. Eine Karte, auf der eine bestimmte Reiseroute eingetragen ist. Die Route führt durch sieben Dörfer bis zur Küste. Das Unheimliche an dieser Route ist ihr Anfang: Er liegt in Gray Haven, Sues Heimatstadt. Jedes der Dörfer ist 1802 gegründet worden. Von einem Isaac Hamilton, von dem eine überdimensionale Statue in jedem Ort steht. Es ist nicht
Nur so, dass sich für Sue Vergangenheit und Gegenwart verbinden, schnell interessiert sich auch die Polizei für sie. Bei einer Routinekontrolle wird sie mit zwei verstümmelten Leichen im Wagen gefunden. Eine Verhaftung könnte ihren eng gesteckten Zeitplan durcheinander bringen und das Leben ihrer Tochter verwirken.

„Chasing theDead“ ist ein flott geschriebener Roman, der sich in einer oder zwei Sitzugen ungewöhnlich schnell, aber packend lesen lässt. Zu Beginn des Buches - und das ist der große Unterschied zu einigen anderen Horrror/ Thriller Klonen - gibt es keine übernatürlichen Elemente. Das die Mutter für ihre entführte Tochter alles macht, ist verständlich und die Hetzjagd von einem Ort zum anderen ist gut beschrieben. Schnell wird ihre Vergangenheit mit der Gegenwart verbunden. Erst im Laufe der Geschichte erfährt der Leser, dass es sich bei dem Mord im Grunde um Notwehr handelt. In der Gegend hat eine Gestalt namens „Lokführer“ Kinder unter 11 Jahren immer wieder grausam ermordet und verstümmelt.
Die beiden Jugendlichen rächen quasi die Opfer und töten den potentiellen Mörder. Alle Indizien sprechen gegen ihn. Dadurch relativiert Joe Schreiber die im Prolog beschriebene Tat. Auch stellt er Sue Young als bodenständige, sympathische Frau dar, die nach einem unsteten Leben - unter anderem als waghalsige, aber gute Krankenwagenfahrerin - in ihrer kurzen Ehe mit Phillip ihrem Mitverschwörer einen Augenblick der Ruhe gefunden zu haben scheint. Bis ihr Mann verschwindet und ihr vorher allerdings sehr ungewöhnlich ihren Reichtum übertragen hat. ZU Beginn des Buches wird Sue hin und her getrieben, als sie beginnt, nach den ersten Seiten verzweifelt die Kontrolle zu übernehmen, wird jede ihrer kleinen Ungehorsamkeiten grausam bestraft und Menschen müssen sterben. Trotzdem beginnt ein psychologisches Katz- und Mausspiel zwischen Sue und dem Entführer. Mehr und mehr stellt sich heraus, dass ihre Tochter nur ein Köder ist.

In der Mitte des Buches ändert sich der Ton komplett. Aus dem bislang überzeugend Psychothriller wird ein klassischer Zombie- Roman. Die Toten beginn wieder zu Leben und werden von der übernatürlichen, Kinder ermordenden Inkarnation des so genannten Lokführer geleitet. Hier beginnt das Buch mehr und mehr an Stephen King Romane wie „Es“ zu erinnern. Im Gegensatz zu Kings Roman setzt sich Joe Schreiber auf den ersten Blick intensiv, bei näherer Betrachtung allerdings ein wenig oberflächlich mit dem Phänomen der Schuld auseinander. Der Lokführer ist laut eigenen Angaben von Seeleuten gequält worden, mit denen er im 18. Jahrhundert zusammengetroffen ist. Seine erste Aktion war es nach seiner Genesung durch Vodoopriester, sich an deren Familien zu rächen und ihre Seelen zu goutieren. Später hat er seine Kreise immer weiter geschlagen und über die Jahrhunderte immer wieder Kinder ermordet, um ihre unschuldigen Seelen ganz nah bei sich zu haben. Diese nachträglich eingeführte Geschichte des unsterblichen Lokführers wirkt ein wenig zu sehr aufgesetzt. Das Buch wäre spannender geblieben, wenn Joe Schreiber nicht den Fehler vieler Debütanten gemacht hätte, für alles eine Antwort zu suchen und plottechnisch zu viele Fragen offen zu lassen, um eine mögliche Fortsetzung nicht zu gefährden. Sue trägt eher die Narben ihrer gescheiterten Beziehung mit sich als die Schuld der Ermordung des potentiellen Kinderschänders. In so weit ist die Reise durch die sieben Orte für sie keine Katharsis, sondern eine Herausforderung und Quälerei. Insbesondere bei den Sequenzen in der Polizeistation - einer der Beamten hat auch seine Tochter vor vielen Jahren an den Lokführer verloren - macht es sich Joe Schreiber allerdings viel zu einfach, seine Protagonistin wieder auf die Rennstrecke zurückzuschicken. Wie eine Hommage an „The Terminator“ wird sie in einem Blutbad aus dem Gefängnis befreit. Fast rückblickend enttäuschend ist, ist der Showdown. Hier hat der Leser das Gefühl, als wollte Joe Schreiber den Roman plötzlich möglichst schnell beenden. Im Gegensatz zu der teilweise sehr überzeugenden und stimmigen Atmosphäre, welche der Autor insbesondere während der wenigen ruhigen Passagen der Suche aufbaut, wirkt hier alles hektisch und leider übertrieben. Immer muss Sue auf ihrer Jagd durch die sieben Orte nicht nur ihre Tochter retten, sondern vor allem das Geheimnis um Isaac Hamilton lösen. Wie diese Versatzstücke nach und nach ineinander greifen, ist schon interessant und lesenswert geschrieben. Das am Ende ihrer Reise nicht unbedingt gleich ihre Tochter auf sie wartet, sondern eine weitere perfide Falle, ist Sue genauso wie dem Leser klar. Das Buch bezieht seine eigentliche Spannung auch nicht mehr aus den Fragen nach dem Wer oder Warum, sondern nur noch aus den möglichen Einfällen, mit denen sich Sue und ihre Tochter retten will. Für Joe Schreiber spricht allerdings auch, dass er keinen Deus Ex Machina Einfall in die Geschichte einbaut und die Konfrontation sich im Grunde auf Sue und den übernatürlichen Lokführer beschränkt. Zeuge sind die vielen toten Kinder und Phillip, ihr Ehemann. So stimmig der Endkampf von seinem Hintergrund und seiner Perspektive auch beschrieben worden ist, so amateurhaft läßt Joe Schreiber auf den letzten Seiten seines Buches einen roten Faden nach dem anderen wieder fallen und arbeitet die obligatorischen Horrorklischees wie „das Böse stirbt nie“ und „das Telefon klingelt“ wieder ab. Diese sind nach einem unterhaltsamen und teilweise sehr zufrieden stellenden Thriller/ Horror Roman überhaupt nicht notwendig. Der Wechsel zum Splatter/Horror/Zombie Roman ist sicherlich für einige Leser überraschend. Im Gegensatz zur eher unscheinbaren amerikanischen Taschenbuchausgabe betont der Bastei Verlag eindeutig vom Titel und dem Backcovertext her die Horrorelemente. Hier gelingen Joe Schreiber einige sehr stimmige Szenen, aber als Gesamtwerk betrachtet fehlen nach dem atemberaubenden Tempo innovative oder originelle neue Ideen. Die Hauptprotagonistin Sue hat der Autor sehr gut charakterisiert und der Leser bangt auch um ihre Tochter und ihr bisheriges Leben, aber sowohl im Ablauf als auch Aufbau wirkt der Roman teilweise sehr mechanisch. Dagegen ist der historisch mystische Hintergrund der Geschichte deutlich überzeugender und packender entwickelt worden. Die Übersetzung wirkt allerdings teilweise sehr holprig und an einigen Stellen wird der notwendige Ton nicht immer getroffen. Das macht das Buch insbesondere im Mittelabschnitt zu einem manchmal nicht immer leichten Lesevergnügen. Dazu kommt am Ende das große Manko des Autoren, die Übersicht über die einzelnen Ereignisse seiner Handlung fast zu verlieren und am Ende im sehr knappen und pointierten Showdown zu viele zusätzliche Ideen und Ansätze in die Konfrontation einbeziehen zu wollen. Das macht diesen Endkampf unübersichtlich und die Auflösung ist zu einfach, zu übernatürlich - aus Sues Sicht - im Vergleich zu ihrem bisher bodenständigen, verzweifelten Kampf gegen die übernatürliche Bedrohung gestaltet. Alles in allem ist „Chasing theDead“ trotz oder vielleicht gerade wegen der angesprochenen Schwächen ist guter „Debütroman„. Joe Schreiber hat ja schon als Ghostwriter Erfahrungen mit Romanen gemacht - dabei bleibt offen, ob er diese alleine geschrieben hat oder in Kooperation. Mit dem vorliegenden Buch reiht er sich nahtlos in die oberflächlich unterhaltsame Mittelklasse der Paperbackhorrorautoren ein, deren Bücher man sehr gut auf Reisen flott lesen kann, die aber genauso schnell wieder aus dem Gedächtnis des Lesers verschwinden.


Joe Schreiber: "Untot"
Roman, Softcover, 286 Seiten
Bastei 2007

ISBN 3-4041-5717-6

Weitere Bücher von Joe Schreiber:
 - Besessen

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