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rezensiert von Thomas Harbach
Mitte der zwanziger Jahre und noch verstärkt nach dem Zweiten Weltkrieg schlich sich der magische Realismus in die phantastische Literatur ein. Autoren wie Robert Nathan und Thorne Smith sind die Vorreiter dieser in erster Linie die moderne Fantasy Literatur bestimmenden Trendwende. Realistische und in der Realität der jeweiligen Gegenwart angesiedelte Geschichten wurden mit wenigen übernatürlichen oder unerklärlichen Phänomenen bereichert. Phasen in denen die epische High Fantasy – siehe Tolkiens „Herr der Ringe“ - dieses Subgenre überdeckte, ließen es eher stärker werden. So wirkt Gwyneth Jones „Castle of Sands“ Trilogie wie eine natürliche Mischung aus beiden Strömungen – unter Bezizeihung der King Arthur Legende - und stellt eine homogene Weiterentwicklung der oft nur subtilen Tendenzen in Nathans Werk dar.
Oft bezog sich Robert Nathan mit seinen am Rande des Kitsch balancierenden Liebesgeschichten auf Volkssagen, die er modernisierte. Bei Thorne Smith ist auch die liebe Nachbarin oder die holde Ehefrau durchaus einmal eine Hexe gewesen. Jahrzehnte später wird insbesondere Charles de Lint die Idee des magischen Realismus in einer Reihe von Geschichten wieder aufnehmen. Und Lucius Shepard in Novellen wie der in der Edition Phantasia erschienenen „Luisiana Breakdown“.
Seine Geschichte ist eine kraftvolle Mischung aus folkloristischem Aberglauben, Musik, Magie, Liebe und der heißen, feuchten Luft im Louisisana Delta als Katalysator. Wie seine exotische Liebesgeschichte „Valentine“ verzichtet Shepard fast gänzlich auf eine tiefergehende Charakterisierung seiner einzelnen Protagonisten. Sie scheinen aus dem Nichts mit wenigen Federstrichen zu entstehen, bemühen sich mit den Unwägbarkeiten des Lebens fertig zu werden und verschwinden wieder im Nichts. Trotzdem wirken sie überzeugend und gewähren wahrscheinlich durch ihre Oberflächlichkeit dem Leser eine breite Identifikationsbasis.
Für einen Augenblick berühren sich die Wege sehr unterschiedlicher Menschen. Alle seine Protagonisten suchen einen Augenblick des Glücks und wahrer, unvoreingenommener Liebe. Wie flüchtig dieser Moment sein kann, zeigt Shepard unromantisch, realistisch und schonungslos. Er erzählt keine kitschige Liebesgeschichte, im Grunde erzählt er ein altes Volksmärchen – das Menschenopfer als Schutz vor den dunklen Mächten – aus einer ungewohnt verzerrten, aber faszinierenden Perspektive aufs Neue. Nicht umsonst finden sich alle wichtigen Komponenten klassischer Erzählliteratur in dieser Geschichte: Tradition, Verrat, Hoffnung und Angst. In Shepards modernen Dschungel – bei keinem Autoren spielt Dschungel oder dschungelartiges Terrain eine so wichtige, aber auch eine so effektiv in Szene gesetzte Rolle – wirken seine Charaktere oft wie Beiwerk, wie Opfer eines größeren Plans. Hier lehnt er sich bewusst an die Tradition Lovecrafts an, er deutet etwas Größeres an, ohne konkret zu werden. Nicht zuletzt erwartet der aufmerksame Leser gegen Ende dieser Novelle eine Begegnung mit einer unerklärlichen und übermächtigen Instanz, dem Guten Grauen Mann, der seit mehr als zweihundert Jahren seine Hände über die kleine Siedlung gehalten hat.
Dieser Pakt ist aber nicht einseitig. Vida Dumars ist die Sommerkönigin. An ihrem zehnten Geburtstag ist sie für zwanzig Jahre gewählt worden. Was augenscheinlich eine Ehrenbezeugung sein soll, ist im Grunde nur Aberglaube. Sie soll der Prellbock für alles Böse sein, was auf die Gemeinde und einzelne Bewohner niederprasseln könnte. Nach zwanzig Jahren des Pechs wird einfach eine neue Königin gewählt. Da ihre Vergangenheit nicht gänzlich rein ist, sucht Vida die Schuld für alle Ereignisse bei sich selbst. Als der herumstreunende Musiker Jack Mustaine die Stadt betritt, scheint sich ihr Blatt zu wenden. Bevor sie glücklich leben kann, muss sie aber in einer Art pervertierter Krönungszeremonie ihren Stab an die Nachfolgerin übergeben.
Geschickt spielt Shepard mit den Erwartungen seiner Leser. Das Grundgerüst ist eine für den amerikanischen Westen und nicht Süden so typische Liebesgeschichte. In einer kleinen, abgeschiedenen Stadt bringt ein namenloser Fremder – auch von Mustaine über einen Namen und eine Geschichte, eine dunkle Geschichte verfügt, erinnert er unwillkürlich an die klischeehaft stilisierten Fremden ohne Namen – das Leben einer jungen Frau durcheinander. Gleich zu Beginn setzt Shepard aber auf eine Reihe von überraschend konträren Situationen. Vida bildet sich ein, dem Guten Grauen Mann zu Willen sein zu müssen. Der Autor lässt es offen, ob diese Vergewaltigung durch eine übernatürliche Wesenheit real oder ein Teil ihrer Phantasie ist. In diese verstörende Szene hinein fügt Shepard eine Reihe von Informationen über die nicht mehr junge und auch nicht unselbstständige Frau. Seit frühester Kindheit ist die missbraucht worden. Die Wahl zur Mittsommerkönigin und damit eine weitere Stufe ihres scheinbar unabänderlichen Abstiegs sind nur folgerichtige Ereignisse. Sie besitzt ein Restaurant, hat vor kurzem eher aus Einsamkeit und Verzweifelung eine lieblose Affäre mit einer Frau – ebenfalls von zweifelhaftem Ruf und Herkunft – angefangen und sehnt sich nach Frieden.
Der Musiker Jack Mustaine hat kurz vor dem kleinen Stadt Graile eine Autopanne. Von der Polizei misstrauisch geprüft lernt er Vida in der einzigen Kneipe des Ortes kennen. Sie weiß nichts über ihn, er scheint von den „Freunden“ und der Geliebten ganz bewusst mit Informationen gefüttert worden zu sein. Ob diese die anstehende Zeremonie stören oder wirklich Vida helfen wollen, ist eine der Fragen, die Shepard ganz bewusst offen lässt. Vida und Jack haben sehr schnell hemmungslosen und schönen Sex. Beide beginnen Gefühle für den jeweiligen Partner zu empfinden, ohne dass sie ihre beständige Unbeständigkeit durchbrechen wollen. Erst als die kleine Bevölkerung des Ortes beginnt, Jack in das Geheimnis des Zeremonie und des Schutzzaubers einzuweihen, erkennt er, dass die einzige Möglichkeit dem düsteren Schicksal zu entkommen die Flucht ist. Nur möchte Vida dickköpfig und für einen Augenblick nicht ängstlich ihren Stab an ihre Nachfolgerin übergeben.
Ob Jack der Ritter in strahlender Rüstung ist, der sie am Schluss retten und mit ihr in den Sonnenuntergang reiten kann, beginnt der Leser sehr früh zu bezweifeln. Bislang hat er sich immer vor der Übernahme von Verantwortung gedrückt, sich von reichen, älteren Frauen aushalten lassen und einzig für die Musik gelebt. Allerdings nur als Songschreiber und nicht als Sänger. Er reagiert nur auf die Ereignisse und findet viel zu spät den Mut und die Entschlossenheit, Vida zu retten und seinem bisher farblosen Leben einen Sinn zu geben. Mit bitterer Ironie lässt Shepard ihn an dieser Aufgabe verzweifeln. Alte Götter sind eben stärker als moderne Helden. Dabei verzichtet Shepard auch auf eine tiefer gehende Identifikation. Dem Leser wird nicht erläutert, ob dieser Pakt mit übernatürlichen Mächten funktioniert, wie er entstanden ist und was wirklich über die Jahrhunderte Gutes aus ihm gekommen ist. Nüchtern lernt der außen stehende Betrachter die Folgen am Beispiel der vor zwanzig Jahren abgetretenen Mittsommernachtskönigin kennen. In seiner eigenen Phantasie kann er sich die Auswirkungen auf die labile und fragile Vida verstellen.
Nicht nur mit den einzelnen Handlungselementen spielt der Autor. Gleich zu Beginn spricht ein übergeordneter Erzähler die Leser an und fragt sie nach ihren Kenntnissen über den kleinen Ort in Louisiana. Mit dieser direkten Ansprache zieht Shepard sein Publikum nicht nur direkt in die sich langsame entfaltende Handlung hinein, er verführt sie auch, eine verzerrte Perspektive anzunehmen. Es geht hier um eine Geschichte, vielleicht sogar um einen Teil des amerikanischen Traums, es geht weniger um Einzelschicksale, sondern um eine bemerkenswerte Landschaft, die ihre Bewohner verändert. Der Beginn dieser Novelle entstand zehn Jahre vor dem zweiten Teil der Handlung. In dieser Zeit bemühte sich Shepard, aus dem Genre auszusteigen und seine Art von Mainstreamgeschichten zu schreiben. Nicht umsonst liest sich dieser Auftakt wie der Beginn zu seinem großen amerikanischen Roman. Der ebenfalls für die Edition Phantasia in Bearbeitung befindliche „A Handbook of American Prayers“ wird Jahre später Shepards Traum Wirklichkeit werden lassen. Die zweite Hälfte dieser Novelle ist zwar immer noch unkonventionell und originell angelegt, lehnt sich aber eher an die klassische Monster/ Horrorgeschichten an. Dabei belässt es Shepard bei Andeutungen, aber der Bruch zwischen den beiden qualitativ gleichen, aber inhaltlich so verschiedenen Teilen dieser im Grunde sehr einfachen Geschichte ist deutlich spürbar.
Poppy Brite erwähnt in ihrem kurzen Vorwort, dass viele Autoren zwar über Louisiana und der kulturellen Hintergrund schreiben, sie aber im Grunde weder den Ort noch deren Geschichte wirklich wahrnehmen. Shepard kennt beides sehr gut. Seine Welt lebt- wenn er wie bei einem Reiseführer zu Beginn der Geschichte eine Panoramabeschreibung als atmosphärisch dichte Einführung simuliert, dann überzeugt dieser literarische Kniff. Wie bei einer Zwiebel schält sich nach und nach das „Böse“ – auch hier bleibt Shepard faszinierend unentschlossen – heraus.
Wie viele seiner Texte lebt „Endstation Louisisana“ von der stimmungsvollen Atmosphäre. Dank seiner fast einzigartigen stilistischen Fähigkeiten erweckt Shepard die Mischung aus dunklem Blues und lebhaftem Samba zum Leben. Immer wieder erwartet man ein heraufziehendes reinigendes Gewitter. Diesen Gefallen macht der Autor seinen Lesern nicht. Die Eruption der Gewalt – ansonsten ein so unvergleichlich typisches Element – erfolgt nur in eingeschränktem Masse. Die Folgen sind trotzdem verheerend.
„Endstation Louisiana“ ist ein weiteres stilistisches und inhaltliches Experiment. Genau wie „Valentine“ eine gelungene Mischung aus Film Noir und klassischer Liebesgeschichte darstellt, könnte diese Novelle in der Tradition des Klassikers „The Wicker Man“ und seiner Interpretation der Pagan- Religion Shepards Versuch einer Monstergeschichte sein. Experimentell, nicht immer einfach zu verstehen, sehr subtil geschrieben und unglaublich faszinierend.
Lucius Shepard: "Endstation Louisiana"
Roman, Softcover, 157 Seiten
Edition Phantasia 2006
ISBN 3-9378-9714-3
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