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Mystery (diverse)



Martha Wells

Necromancer

rezensiert von Thomas Harbach

Der Heyne- Verlag legt Martha Wells umfangreichen „Necromancer“ - ihren bislang dritten Roman – als ihre erste Veröffentlichung in Deutschland auf. Schon in ihren ersten beiden Werken „The Element of Fire“ und „City of Bones“ konnte Matha Wells vor allem dank ihrer guten Mischung aus interessanten Details und originalen Handlungskonzepten, nicht immer in gänzlich zufriedendstellende Plots mündend überzeugen. Im vorliegenden Band „The Death of the Necromancer“ fügt sie überraschend sympathische, vielschichtige, aber leider nicht unbedingt innovative Charaktere diesem guten Mix hinzu. Ihre Welt, welche schon im Mittelpunkt ihres Erstlings stand, hat sehr viel Ähnlichkeit mit Ian R. MacLeods „The Light Ages“, in welcher ein magisch begabter Sherlock Holmes Charakter mit dunkler Vergangenheit seinen Mann zu stehen hat. Ihre grundlegende Prämisse ist vielleicht nicht einzigartig, aber im Gegensatz zu vielen anderen Autoren, wird sie konsequent angewandt: Technologie existiert Seite an Seite mit Magie und Zauberei. Magie und Zauberei sind wiederum voneinander streng abgegrenzt. Spielte ihr Erstling eher in einer elizabethanisch orientierten Parallelwelt, setzt die Handlung von „Necromancer“ gute einhundert Jahre später in einem gut erkennbaren Europa unter dem Einfluss einer Königin Victoria ein. Von Beginn an wirkt der vorliegende Roman sehr bewusst wie eine Hommage, aber keine Imitation an die Mysterythriller mit übernatürlichen Elementen, welche Wilkie Collins so einzigartig gut geschrieben hat. Den Hintergrund ihrer Welt erläutert die Autorin noch einmal in den ersten, den Plot gut einleitenden Kapiteln. Dabei legt sie Wert, nicht nur ihre Welt mit Magiern und Zauberern auf den Straßen, Dampfmaschinen in den Fabriken und Revolvern in den feinen Anzügen zu beschreiben, sondern zeigt auf, welch enger Zusammenhang es zwischen ihre Figuren und ihrer Umgebung besteht. Keiner der Charaktere auf beiden Seiten des Gesetzes, die allerdings sehr schwammig sind, kann seiner/ ihrer Vergangenheit entkommen. Diese Prämisse zeigt sich am effektivsten am Protagonisten Nicholas Valiarde, einem in Ungnade gefallenen Ehrenmann, der von der Rache für seinen Patenonkel angetrieben wird. Dieser wurde vor einigen Jahren beschuldigt, verbotene Verbindungen zum Totenreich aufrechtzuerhalten und hingerichtet. Erst nach seinem Tod tauchten Beweise auf, welche ihn entlasteten. Inzwischen ist Valiarde einer der erfolgreichsten Gentlemandiebe der Stadt. Wie nicht selten in diesen romantisch angelegten Mystery- Geschichten verschiebt die Autorin das Gesetz je nach Bedarf. Es ist hilfreich, entweder ein charismatischer Mann mit einer dunklen Vergangenheit zu sein oder eine Schauspielerin, welche nebenbei auch über latente magische Fähigkeiten verfügt. In diesen beiden Fällen dürfen Recht und Ordnung natürlich zu Gunsten eines höheren Zieles gebogen werden, während die Antagonisten in ihren Handlungen ausschließlich Schurken sind. Valiarde versucht neben der Aufbesserung seines Einkommens bei seinen nächtlichen Streifzügen auch den Mann zu entlarven bzw. zu richten, welcher für die Hinrichtung seines Onkels verantwortlich ist. Dieser hat sich in den Besitz von dessen Erfindungen gesetzt, welche eine größere Gefahr für die ganze Menschheit bedeuten könnten. Auf Valiardes Fersen ist Inspektor Rosarde. Diese Figur weist durchaus Ähnlichkeiten zu Arthur Conan Doyles bekanntem Detektiv auf. Rosarde ahnt, dass Valiarde in seinem Herzen kein hinterhältiger Schurke ist, aber der Gerechtigkeit sollte Genüge getan werden. Doch bei seinen Streifzügen ist Valiarde noch einem anderen viel gefährlicheren Gegner aufgefallen, der sich nicht scheut, die dunklen Mächte gegen den ehemaligen Adligen und seine Freunde aufzubieten.

Martha Wells eröffnet das Buch mit einer der stärksten und gleichzeitig am geradlinigsten geschriebenen Passagen. Valiarde will zusammen mit seinem Team das Gold einer adligen Frau – da sie keinen Banken vertraut, natürlich im eigenen Safe untergebracht – stehlen, um mit diesen Mitteln seinen Erzfeind endgültig zu Fall zu bringen und den Patenonkel zu rächen. Während des Überfalls erkennen sie, dass ein Ghoul sich ebenfalls für die Schätze der adligen Frau interessiert. Weniger für das Geld als eine Erfindung, die sich in dem großzügig ausgestatten Haus, in welchem natürlich ein Ball am Abend des Einbruchs stattfindet, befinden soll. Mit knapper Not entkommen Valiarde und seine Freunde. Zu Hause werden sie allerdings erwartet. Ein geheimnisvoller Herr Octave berichtet Valiarde, dass die Erfindungen seines Patenonkels von einem machthungrigen Necromancer missbraucht werden. Mit feinem, aber die spannende Handlung nicht erdrückenden Humor beginnt Martha Wells ihren Thriller. Nach diesem rasanten Auftakt verflacht die Handlungskurve ein wenig, die Autorin benötigt im Vergleich zum Plot zu viel Raum, um die Leser auf den Wissensstand der einzelnen Charaktere zu bringen. Nur die vielen kleinen sehr überzeugend entworfenen Details halten in diesem Abschnitt des Romans das Interesse des Lesers aufrecht. Dabei sind die außen stehenden Leser in wichtigen Plotelementen insbesondere Valiarde mindestens einen Schritt voraus. Der Leser weiß, dass Valiarde sich dem Necromancer stellen muss. Während dieser noch zögert und seine Schritte plant, erwartet der Käufer des Buches einfach ein bisschen mehr Handlung, mehr Entschlossenheit. Kaum sind die entsprechenden Unklarheiten beseitigt, blüht der Plot handlungstechnisch wieder auf. Es geht ja nicht nur um die Frage, wie Valiarde einen mächtigen Necromancer stoppen kann, sondern vor allem wo sich dessen Operationsbasis liegt und was für Pläne er wirklich schmiedet. Die Ermittlungen nehmen einen breiten Raum und der Leser ist begierig, Mathilde und Valiarde durch diese fremdartige Welt zu folgen. Das Problem liegt wie bei Wells anderen Büchern in der Auflösung des Plots. Der Roman ist packend geschrieben, aber nach beendeter Lektüre verblasst die Erinnerung an das Geschehen sehr schnell. Martha Wells gelingt es nicht, einen emotionalen oder intellektuellen Höhepunkt, im übertragenen Sinne ein markantes Ausrufezeichen an das Ende der Handlung zu setzen. Rückblickend hat der Leser das Gefühl, großartigen Episoden gefolgt zu sein, welche mechanisch zu einem Roman ineinander geschoben worden sind. So bleibt ein Gefühl der Leere zurück. Der Weg ist in diesem Fall die wahre Geschichte.

Mit Valiarde hat die Autorin natürlich einen charismatischen Charakter mit allen Stärken und Schwächen – diese liegen meistens in seiner Vergangenheit – geschaffen. Er kann charmant sein, ist intelligent, aber ruhelos, hat Bindungsängste – auch wenn er seine Helferin Mathilde, eine hübsche Schauspielerin offensichtlich liebt - und fürchtet sich, mit der eigenen bzw. seiner Vorfahren Vergangenheit konfrontiert zu werden. Der Versuch, kontinuierlich den Namen seines Patenonkels rein zu waschen erdrückt die eigene Identität. Mathilde ist der fast typische weibliche Sidekick. Sie hat ein eigenes Leben, eine eigene Existenz als Schauspielerin, kennt sich dank ihrer Vorfahren in der Magie gut aus und kann sich inzwischen auch ihrer Haut wehren. In den wichtigsten Szenen ist sie allerdings auf Valiarde angewiesen. Es gibt einige wenige Sequenzen, in denen sie Stärke zeigen darf, diese wirken allerdings im Kontext des Gesamtwerkes eher wie kleine Alibis. Inspektor Rosarde ist im Grunde die tragische Figur des Romans. Ein Charakter, aus welchem Martha Wells zu wenig macht, der in wichtigen Szenen zwar als Stichwortgeber oder Opfer fungiert und Gott sei Dank über die Charakterisierung des Trottels vom Dienst Inspektor Lestrade hinaus entwickelt worden ist, der allerdings nicht dreidimensional und überzeugend wirkt. Bei den Nebenfiguren und Antagonisten reichen die Beschreibungen vom größten Zauberer des Kontinents bis zu einem selbst erklärten Mystiker. Insbesondere der größte Zauberer des Kontinents muss immer wieder aus seinen Opiumträumen gerissen werden. Am Ende vergisst Martha Wells dem Leser ausführlich zu erklären, welche Zusammenhänge zwischen den einzelnen Personen bis hin zu den Schurken bestehen und behandelt die Figuren nach ihrer Einführung in die laufende Handlung stellenweise sehr stiefmütterlich. Kritisch gesprochen, sind die Nebencharaktere die sehr ausführlichen Beschreibungen rückblickend nicht unbedingt wert und man hat das Gefühl, als wolle Martha Wells ein bisschen Seiten schinden, um ein wirkliches Epos vorzulegen.

Martha Wells Stärken liegen in der Konzeption ihrer Welt. Mit kleinen und kleinsten Details erschafft sie vor den Augen der Leser ein wundervoll fiktives und doch lebendiges Europa. Hier gelingt es ihr nahtlos, historische Realität und Fiktion zu einer wunderbaren Mischung zu verbinden. Es ist eine gefährliche, aber auch faszinierende Welt. Im Vergleich allerdings zu Ian R. MacLeods auch sehr politischen Romanen wie „The Light Ages“ konzentriert sich Martha Wells im Grunde auf den gesellschaftlichen Klatsch und Tratsch. Auch wenn Valiarde und Rosarde gegen einen ultimativen Feind antreten müssen, hat der Leser niemals das Gefühl, als könne dieser wirklich diese Welt aus den Angeln heben. So hinterlässt der Hintergrund dieses Romans im Vergleich zum manchmal unnötig kompliziert angelegten Plot einen deutlich farbenprächtigeren, nachhaltigeren Eindruck. „Necromancer“ ist kein schlechtes Buch. Es stellt eine interessante und vor allem sehr unterhaltsame Lektüre dar. Der Funke will aber nicht auf den Leser überspringen und am Ende der Lektüre fühlt man sich nicht gesättigt und intellektuell stimuliert. Während der Mahlzeit sprich Lektüre hat man allerdings das Gericht sehr genossen.

Martha Wells: "Necromancer"
Roman, Softcover, 702 Seiten
Heyne Verlag 2008

ISBN 9-7834-5352-4125

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