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rezensiert von Thomas Harbach
„Tristopolis“ ist der erste Roman des britischen Autoren John Meaney. Als Mitglied der neuen Subliteraturströmung des „New Weird“ versucht der Meaney Elemente des klassischen Hard Boiled Detectiv Genres mit einer möglichst phantastischen, futuristischen und bizarren Welt zu vermischen. Diese Kombination gelingt ihm nur teilweise. Wie einige andere seiner Mitautoren scheitert er bei seiner Weltenschöpfung am schwächsten Element – dem Menschen.
Ganz bewusst versucht der Autor zu Beginn den Plot möglichst geradlinig zu halten. Einige werden unwillkürlich an das französische Meisterwerk „Diva“ kombiniert mit Luc Bessons „Das fünfte Element“ in einer Clive Barker Kurzgeschichte erinnert. Auch wenn seine Weltenschöpfung eigenständig und originell ist, hat der Leser bei Meaney immer das Gefühl, als fühle er sich wohler, die Vielfalt der britischen Science Fiction zumindest in seinem Rücken spüren zu können. Zuerst scheint es für Leutnant Donal Riordan ein Routineauftrag zu sein. Er soll die weltberühmte Opernsängerin Maria da Livnova beschützen. Bald stellt sich heraus, dass dieser Auftrag nur ein Teil einer die ganze Stadt Tristopolis ergreifende Verschwörung ist. Die Verschwörer wollen die Knochen der berühmten Bürger haben. Sie dienen als Inspiration und als „Droge“. Denn in den Knochen der Toten befindet sich Necroflux, in dem nicht nur alle Erinnerungen der vorherigen Besitzer der Knochen gespeichert sind, sondern von dem mehr und mehr Menschen in der Stadt abhängig sind. Und wenn die berühmten Leute nicht freiwillig bereit sind, ihre Knochen herzugeben, wird inzwischen mehr und mehr ihnen nachgeholfen.
Bei einer Rezension von „Tristopolis“ muss ganz deutlich zwischen den beiden wichtigsten Protagonisten des Buches, dem eigentlichen Plot und schließlich dem Hintergrund unterschieden werden. Normalerweise bilden diese drei Elemente eine Einheit und die Grundlage eines gelungenen oder misslungenen Buches. Selten gab es derartige Diskrepanzen in Bezug auf die Qualität der einzelnen Teile. Am schwächsten sind die beiden wichtigsten positiven Protagonisten Leutnant Donal Riordan und seine Chefin und spätere Geliebte Laura Steel. Donal Riordan entspricht einem futuristischen Cop. Er hat zwar seinen Job, aber im Grunde ist es ihm vollkommen egal, wie gut oder wie schlecht er ihn macht. Seine zynische Einstellung allem gegenüber ist inzwischen legendär. Im Grunde ist er aber ein wandelndes Klischee. Er hebt sich nicht von seinen ähnlich farblosen Kollegen ab und im Laufe des Romans steigert er sich natürlich mit seiner Aufgabe, gewinnt aber charakterlich nicht an Tiefe. Es ist schon bezeichnet, dass er zum ersten Mal echte Gefühle als Zombie zeigt. Am Ende des Romans.
Laura Steels Name ist schon einfallslos, aber was John Meaney aus der weiblichen Hauptfigur macht – unhängig davon, dass sie schon ein Zombie ist – erscheint einfach nur schwach und eindimensional. Sie ist reich, eine der reichsten Frauen der Stadt. Sie ist ein Cop, weil sie etwas zu tun haben will. Sie nimmt sich dem - nach dem Scheitern seines Auftrags - verletzten und innerlich ausgebrannten Donal Riordan an. Natürlich kommen sie sich obligatorisch näher und leider ist der Mann eher eine Marathonsexmaschine als ein emotional gereifter Liebhaber. Die große Sexszene erinnert unwillkürlich und unfreiwillig an die ungezählten Pornoparodien, in denen der Mann endlos und immer wieder kann und kam. Das sich keine Chemie zwischen diesen beiden Figuren entwickelt, ist eine der Schwächen des Autoren. Die Verbindung ist so mechanisch wie der grundlegende Plot. Ein weiteres Problem liegt im Grunde in der fehlenden Einbindung des Protagonisten Riordan in den eigentlichen Plot. Das ist um so erstaunlicher, als dass er unter dem Fluch/ der Verzauberung durch die Antagonisten schreckliche Dinge getan hat. Bevor er unter deren Einfluss gefallen ist, hat er sich zumindest von seiner Seite in seine Schutzbefohlene verliebt. Kaum ist er aus dem „Koma“ erwacht, kann er sich nicht an diese Emotionen erinnern und nimmt sich die nächste Frau. Diese flexible Loyalität macht die Hauptfigur noch unsympathischer, obwohl ihre emotionale Leere eine wichtige Basis für den Plot darstellen könnte.
Dieser besteht im Grunde wieder aus der großen Verschwörung, an deren roten Fäden ein kleiner unscheinbarer und unwichtiger Polizist zieht. Teilweise wirkt aber sein Vorgehen nicht wie echte und überzeugende Ermittlungsarbeit, mehrmals muss ihm und seiner Freundin das Prinzip Zufall helfen. Am Ende noch ein obligatorischer falscher Verdacht und schließlich die Auflösung. Nicht alles ist so klischeehaft geschrieben worden wie es vielleicht in dieser Rezension herausklingt, aber mit „Tristopolis“ erreicht das New Weird jetzt eine Art zweite Ebene, in welche die Epigonen nur noch die Ersten atmosphärisch zu übertreffen suchen. Wie beim „Cyberpunk“ wird sich dieses Subgenre wahrscheinlich schnell wieder auflösen und nur noch vereinzelt eine Rolle spielen. Zumindest „stürbe“ es mit einem Roman wie „Tristopolis“ vor einem eindrucksvollen Hintergrund.
Was für den Roman spricht, ist in erster Linie „Tristopolis“. Eine interessante Kunstschöpfung, die wie ein Metropolis für Heavy Metal Freaks mit eingebautem neuen Glauben daherkommt. Eine industrielle Metropole mit gothischem Schick, deren Geister nicht zuletzt an die mechanisch dahin schreitenden Arbeiter in Fritz Langs optischem Meisterwerk erinnern. Das Titelbild von Franz Vohwinkel zeigt den gigantischen Totenkopf mitten in der Stadt, den Meaney beschreibt. Hier erweckt das Buch Assoziationen an China Mievilles „Perdido Street Station“ und vielleicht noch mit Abstrichen an Jeff Vander Meers „Veniss Underground“. Aber im Gegensatz insbesondere zu Mievilles Roman fehlt „Tristopolis“ das tragische und ein tragendes Element. In einigen sehr schönen Szenen nutzt Meaney seine Schöpfung, um bizarre Ideen und elementare Bestandteile des Plots zusammenzufügen. Dann nimmt er wieder das Tempo aus seinem Buch heraus und konzentriert sich auf Nebenkriegsschauplätze. Diese roten Fäden nimmt er dann allerdings nicht wieder auf und der Leser beginnt sich nach einiger Zeit in dieser bizarren Umgebung zu langweilen. Für einen Kriminalstoff in einer gothisch alternativen Welt bleiben zu viele Ansätze offen, für einen bizarren Science Fiction Roman reicht eine gut durchdachte Atmosphäre nicht aus und für einen adäquaten Roman müssten die Charaktere dreidimensionaler und überzeugender gezeichnet werden. So fällt das Fazit gemischt aus: gute Ansätze, einzelne sehr interessante und bizarre Szenen, dann wieder ein Rückfall in entsprechende Krimiklischees. Nicht nur seine Zombies brauchen für das Leben ein schwarzes Herz, dem Autor fehlt das dunkle Herzblut, den skurrilen, aber vor allem wenig wirklich erläuterten Hintergrund mit Leben zu erfüllen. So bleibt „Tristopolis“ ein Torso und erfordert sehr viel Geduld vom Leser.
John Meaney: "Tristopolis"
Roman, Softcover, 508 Seiten
Heyne- Verlag 2007
ISBN 3-4535-2295-8
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