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rezensiert von Thomas Harbach
In seinem ersten Band “Tristopolis” hat sich der Brite John Meaney in erster Linie auf seinen unglaublich farbenprächtigen Hintergrund mit der originellen Mischung aus Science Fiction und Horror konzentriert. Die Geschichte, welche der Autor erzählte, war in Hinblick auf die Prämisse, sowie die von ihm gezeichneten Protagonisten durchschnittlich. Diese Schwächen glich er in erster Linie durch eine wirklich überzeugende Nutzung phantastisch- gruseliger Ideen als kontinuierlichen Treibstoff für den unnötig simplifizierten Plot aus. In der unmittelbaren Fortsetzung “Tristopolis- Dunkles Blut” hat der Autor nicht nur den Faden des ersten Bandes aufgenommen, er konzentriert sich deutlich mehr auf den Plot und mit einigen Abstrichen auf seine Protagonisten. Im ersten Buch versteckte Meaney die eher klischeehafte Krimigeschichte unter Unmengen von falschen Hinweisen und Querverweisen, im vorliegenden zweiten Band steht sie im Mittelpunkt des Buches und funktioniert auch rückblickend. Dabei lässt sich der eigentliche Plot auf wenige Sätze konzentrieren. Polizeileutnant Donal Riordan möchte die Hintermänner des Mordes an seiner Freundin und seines früheren Bosses Laura Steele finden. Natürlich muss er in die Zentren der Macht vordringen und alte Seilschaften herausfordern. Nur ist Laura Steele schon tot und ein Zombie gewesen, als Donal sie kennen lernte. Außerdem ist er selbst bei den Ermittlungen im ersten Band ums Leben gekommen. Und nur Lauras kaltes Herz konnte ihn am Leben erhalten und hat ihn selbst zu einem Zombie gemacht. An diesen wenigen Sätzen kann der Leser erkennen, wie eng John Meaney in diesem Fall deutlich erfolgreicher Ideen des Zombie- und Horrorgenres mit einer klassischen Hard Boiled Detective Prämisse verbunden hat. Insbesondere in einigen sehr pointierten Dialogen – als sich das Spezialteam auf die Party vor der eigentlichen Feier vorbereitet – gelingt es dem Autoren sehr gut, den lakonischen Ton der Buddy Krimis zu treffen.
Es empfiehlt sich, den ersten Band “Tristopolis” zu erst zu lesen. Zwar fasst der Autor in die Handlung integriert die wichtigsten Ereignisse des ersten Bandes zusammen, aber für den Leser ist es wichtig, die Ambivalenz aller Positionen und Personen in dieser sehr differenziert dargestellten Welt zu verstehen. Und dafür braucht der Leser eine umfangreichere Basis, um die Zusammenhänge hinter den Kulissen zu verstehen, als es diese Zusammenfassung anbietet. Natürlich will Donal die Hintermänner jagen, doch dabei stößt er auf mächtige, natürliche ominöse Kreise, an denen er mit seinem Cop Zynismus nur scheitern kann. Sehr expliziert baut John Meaney während Donals Ermittlungen zwei sehr konträre Positionen auf. So verfolgt der Autor nicht weiter das Image des zynischen nihilistischen Cops, welcher sich eher widerwillig mit der Korruption insbesondere hinter den Kulissen der Politik auseinandersetzt. Je weiter Donal in das Wespennest Tristopolis hinein sticht, desto deutlicher wird, dass es bei den Ermittlungen auch oder in erster Linie auf das politische Fingerspitzengefühl und die Fähigkeiten, ein Spezialistenteam zu führen ankommt. Weiterhin nutzen diese Kreise Vorurteile, um die Massen zu manipulieren und somit in einer Gesellschaft voll übernatürlicher Phänomene und vor allem schwarzer Magie ihre Positionen zu festigen. Mit ungewöhnlicher politischer Aktualität entlarvt der Autor das nicht demokratische System Tristopolis als von Menschen Hand geschaffen und damit nicht nur fehlbar, sondern im Vergleich zur Natur mit ihren unkoordinierten Kräften schwach. Je weiter sich John Meaney allerdings auf dieses bewunderwert kritische, aber sehr brüchig beschriebene Eis herauswagt, desto mehr Kompromisse muss der Autor in Hinblick auf seinen Protagonisten machen. Die blanke, selbstkritische Schablone eines klassischen Hardboiled Detectives, der sich zum ersten Mal verliebt und natürlich durch die Ermordung seiner Partnerin in seinem Glauben enttäuscht worden ist, reicht nicht mehr. In dieser Fortsetzung verschwindet der Detektiv und macht nicht nur äußerlich einem Zombie Platz, sondern darüber hinaus intellektuell einem Mann, der seine Stellung in der Stadt nicht zuletzt dank der gewaltigen Erbschaft zu hinterfragen beginnt. John Meaney trennt nicht immer sehr erfolgreich Körper und Geist. Donal kann als Zombie die Informationen besser verarbeiten und seinen Verstand viel logischer ausrichten. Auf der anderen Seite fehlt seinem Charakter im vorliegenden Band allerdings die sympathische, emotionale Note. John Meaney scheut zum Wohl des Romans davor zurück, seinen Protagonisten zu einer Art Zombie Neo aus den Matrix Filmen oder Richard Morgans “Black Man” - ebenfalls im Heyne Verlag erschienen - zu machen. Er deutet die übernatürlichen Fähigkeiten Donals nur an, auch wenn im Kampf für die Unterdrückten und Entrechteten sein Protagonist teilweise an einen sehr dunklen Superhelden, der sich noch mit seinen Kräften auseinandersetzen muss, erinnert. Vor allem bemüht sich John Meaney, seinen Plot vielschichtiger anzulegen. Die verschiedenen Nebenhandlungen laufen zuerst nur Parallel zu Donals Ermittlungen, im Showdown wird er allerdings die während der Lektüre von den Lesern ebenfalls eingesammelten Informationen benötigen, um seinen nicht mehr ganz so einsamen Kampf erfolgreich abzuschließen. Kaum hat der Autor allerdings die verschiedenen Handlungsstränge zusammengefügt, bevorzugt John Meaney eine auf den ersten Blick eher enttäuschende Lösung. Schwer bewaffnet greifen Donal und seine überlebenden Kollegen die Feinde mit aller Hand schwerstem Gerät an und sind der festen Überzeugung, das eine Kugel zur rechten Zeit die gewaltiger Verschwörung noch aufhalten kann. In den Actionszenen lebt sein Roman auf, rückblickend hat er diese Sequenzen sehr wohltuend über den insbesondere hintergrundtechnisch sehr komplexen Roman verteilt und darauf verzichtet, dem Leser einfachste Ausflüchte anzubieten. Allerdings benötigen die Helden zumindest ein wenig Hilfe von übernatürlichen Mächten. John Meaney ist der Pyrrhussieg und die Aussicht auf einen dritten Band mit seinen Protagonisten wichtiger als ein zu schmalziges Ende anzubieten. Der Cliffhanger ist nachträglich fies, hier spielt der Autor mit den Emotionen seiner Leser, um ihnen dann vordergründig zumindest einen eher faulen Kompromiss anzubieten.
Nach der qualitativ stellenweise noch uneinheitlichen Achterbahnfahrt durch einen intensiv geschriebenen Roman hat sich der Leser das kurze Durchatmen ebenso verdient wie die nicht unbedingt als Sieger dastehenden Charaktere. Wie auch im ersten Band der Serie gelingt es John Meaney sehr überzeugend, Elemente der Science Fiction übergangslos in eine gruselige bis groteske Handlung zu übertragen. So beginnt der Roman mit einer Hommage an “Hellraiser”, Tristopolis ist eine Stadt, in welcher die Verbrecher unsägliche Schmerzen mit mindestens drei Stunden Folter erleiden müssen, bevor sie hingerichtet werden, eine Stadt, in welcher die Telefondrähte aus menschlichen Nervenfasern bestehen sowie die neuste Entwicklung auf diesen Bereich nur noch pervers ist und dunkle Magier alle wichtigen politischen Stelle unter sich aufgeteilt haben. Die Oberfläche des Romans gehört eindeutig zum Horrorgenre, der Plot ist eine reine, sehr politische Detektivgeschichte, der Hintergrund ist Science Fiction. Insbesondere in seinem stimmungstechnisch sehr überzeugenden ersten Roman hat John Meaney sich eine interessante Bühne gebaut, auf welcher er wie im hier vorliegenden zweiten Band seine Dramen abspielen kann. Der Detektivplot ist deutlich stärker und wirkt ausgefeilter als die Handlung des Auftaktbbandes. Insbesondere rückblickend wird der Leser erkennen, dass John Meaney sehr fair mit ihm umgegangen ist und ausreichend Hinweise im Plot integriert hat. Vor allem beginnt sich der Leser im zweiten Band selbst Urteile über diese fremdartige und doch faszinierende Welt sowie die Handlungsweise der einzelnen Protagonisten zu machen. Auch wenn es auf den ersten Blick absurd erscheint, in dieser irrealen Welt gibt es so etwas wie eine Normalität. Diese Basis kann als Sprungbrett sowohl für die Ermittlungen Donals als auch die Vermutungen der Leser dienen. Dabei legt John Meaney sehr geschickt im Verlaufe der Ermittlungen eine Reihe von falschen Spuren, an denen sowohl die Leser als auch seine Charaktere zu erst scheitern, im Grunde scheitern müssen. Die Antagonisten sind unter diesen Umständen vernünftig, wenn auch nicht unbedingt so dreidimensional wie die Identifikationsfigur in diesem grotesken Theater gezeichnet. Hier vertraut der Autor mehr den Fähigkeiten seiner Protagonisten als ihren Charakterzügen. Zusammengefasst ist “Tristopolis: Dunkles Blut” der bessere, der konsequentere und damit auch lesenswertere Roman. Aber insbesondere hintergrundtechnisch ist er ebenso mit dem ersten Buch verbunden wie der Seele mit dem Menschen. Oder auch nicht, wie John Meaney in einigen sehr dunklen und teilweise trotz seiner blühenden Phantasie sehr brutal geschriebenen Szenen zeigt.
John Meaney: "Tristopolis- Dunkles Blut"
Roman, Softcover, 524 Seiten
Heyne- Verlag 2008
ISBN 9-7834-5352-3234
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