Inhalt & Kritik
von Thomas Harbach
Mit „Killer Kid“ legt Koch Media nicht nur einen weiteren Spät- Italowestern als Weltpremiere auf DVD vor, der bislang arg zerschnittene Film ist liebevoll restauriert und die fehlenden Szenen deutsch untertitelt wieder eingefügt worden. Somit liegt ein weiterer, allerdings in diesem Fall auch inhaltlich strittiger Beitrag zum Subgenre der Revolutionswestern vor. Leopoldo Savona ist 1922 in Lenola geboren worden. Zunächst arbeitete er als Drehbuchautor, bevor er mit „Tage“ der Liebe Debüt als Regisseur zusammen mit Guisepppe de Santis gegeben hat. Insgesamt zwölf Filme hat er inszeniert, davon alleine die Hälfte Western. 1967 drehte er sowohl den hier vorliegenden „Chamaco“ mit Anthony Steffen als auch „El Rocho- der Töter“ mit Richard Harrison. Es folgten noch „Django- Gott vergib seinem Colt“ oder „Spiel Dein Spiel und töte, Joe“. Mit „Trio der Lust/ Byleth“ verabschiedete er sich 1973 aus dem Filmgenre.
Mit „Töte Amigo“ hat Koch Media schon einen Höhepunkt des Revolutionswestern veröffentlicht, diesem auch heute noch kuriosen Subgenre. Nicht zuletzt unter dem Eindruck des Vietnamkrieges und der vor allem kommunistisch bestimmten politischen Landschaft im korrupten Italien solidarisierte sich plötzlich das italienische Filmvolk mit den unterdrückten Mexikanern. Unter der Führerschaft Sergio Leones – „Todesmelodie“ – und Sergio Corbucci – der insgesamt drei Revolutionsfilme drehen sollte – und dank der intelligenten Streifen Sergio Sollimas zog es die stoisch stummen Anti- Helden in die Weiten Mexikos. Interessanterweise folgte ihnen mit Sam Peckinpahs „The Wild Bunch“ auch wieder die Karawane der amerikanischen Western.
Allen Filmen ist gemeinsam, das chaotische Geschehen aus der Sicht von Außenseitern – sehr oft Europäer – zu beschreiben, die wider Willen in den Strudel der mexikanischen Revolution und Gegenrevolution hineingerissen werden, unfreiwillig, aber dann auch entschlossen Partei für das arme Volk ergreifen und schließlich eine neue Generation von zukünftigen Aufwieglern im Land zurücklassen. Nicht umsonst sprechen in den herausragenden Beispielen dieses Subgenres die Protagonisten am Ende mit den Kindern und zeigen denen, was die Revolution wirklich wert ist. Eine Welle im Ozean, aus der niemals ein richtiger Sturm ihrer Ansicht nach entstehen kann. „Killer Kid“ geht zumindest plottechnisch einen Schritt weiter, in dem er aufzeigt, das indirekt die amerikanische Regierung die Rebellen über gewissenlose Schmuggler mit Waffen versorgt. Die amerikanische Regierung schickt ihren Agenten Morrison – Anthony Steffen – nach Mexiko. Er nimmt vorher die Identität des gefürchteten Killers Chamacco an und flieht aus einem Gefängnis. Warum man dem Geheimagenten die auffällige Identität eines vor allem amerikanischen Banditen gegeben hat, ist nicht das einzige Geheimnis des Drehbuchs. Die Wahrscheinlichkeit, das jemand ihn erkennt, wäre einfach zu groß. In einer der allerdings subtil gestalteten Szenen wird Morrison aufgefordert, einen Trick zu wiederholen, den anscheinend nur der echte Chamacco kann: aus dreißig Fuß Entfernung einen Silberdollar einem Menschen aus der Hand schießen. Zur Verfügung stellt sich die Nichte – eine solide Darstellung von Louisa Baratto, die in Reitkleidern adretter als in Ballkleidern aussieht. Natürlich gelingt der Trick und spätestens jetzt in Chamacco Mitglied einer kleinen Rebellentruppen unter Anführung El Santos, dargestellt von Howard Nelson Rubien. Dieser hat auch die Waffen von skrupellosen Schmugglern kaufen lassen. Leider spielt in seiner Truppe der schmierige Vila – eine teilweise zu überdrehte Darstellung von Fernando Sancho – ein doppeltes Spiel. Er will zwar die Waffen, aber nicht das wertvolle Gold der mexikanischen Bevölkerung ausgeben. In dem Eindringling Chamacco sieht er eine Bedrohung seiner herausragenden Stellung in der Kampfgruppe der Rebellen. Zu Beginn versucht Chamacco zumindest in erster Linie den Ruf der amerikanischen Regierung zu retten, in dem er die gestohlenen Waffen zu vernichten sucht. Später verliebt er sich natürlich in die schöne Nichte und beginnt ihren Freiheitskampf zumindest zu akzeptieren. Erleichtert wird dieser Positionswechsel durch die sehr einseitige Darstellung der beiden Konfliktparteien. Die Rebellen sind entschlossen, aber naiv. Die Regierungstruppen sadistische Schurken, die sich unter dem Kommando ihres arroganten Anführers einen Spaß daraus machen, durch Zwangserschießungen Geständnisse zu erpressen, die Gefangenen zu foltern und zu peitschen. Dieser naiven schwarzweißen Malerei widerspricht schon das pointiert, aber informativ geschriebene Booklet, in welchem in Grundzügen die mexikanische Revolution behandelt wird. Wie so oft frisst die Revolution nach dem Sieg über die verhasste Regierung die eigenen Kinder und in den folgenden Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Rebellentruppen sind mehr Menschen ums Leben gekommen als im eigentliche sowohl im Norden als auch Süden unabhängig voneinander begonnen Aufstand.
Diese politische Naivität überträgt sich auf die einzelnen Protagonisten. Anthony Steffen hat im vorliegenden Streifen eine seiner besten Westernrollen. Er spielt weniger den stummen stoischen Einzelgänger, sondern engagiert sich sehr schnell auf der Seite der Schutzbedürftigen. So rettet er eine Frau und ihren Sohn eigenhändig und unter Einsatz seines Lebens ohne Rücksicht auf die versteckten Rebellen vorm Erschießungskommando. Auch wenn er den Silberdollar der Frau aus der Hand schießen soll, die er augenscheinlich liebt, zögert er. Soweit es seine schauspielerischen Fähigkeiten erlauben, bemüht er sich, einen Geheimagenten darzustellen, der zwischen seiner Mission und seinen Gefühlen hin und her gerissen ist. Dagegen sind die anderen Figuren sehr viel eindimensionaler gezeichnet. Sowohl der geistige Anführer der Revolution El Santo als auch der klischeehaft hinterhältige Vila, der schließlich doch seine Bestimmung findet, wirken eindimensional. In der deutschen gekürzten Fassung sind einige wichtige Dialoge gestrichen worden. Koch Media hat sie untertitelt wieder eingefügt. Zwar erweitern sie das Bild, das sich der Zuschauer von den wichtigsten Protagonisten machen kann, aber handlungstechnisch wird einiges zu brachial, zu einfach und vor allem zu wenig heroisch/pathetisch dargestellt. „Killer Kid“ fehlt die tragische Melancholie, die „Töte Amigo“ zu einem so interessanten Film macht. Die Schurken an sich sind so sadistisch und brutal wie nur möglich gezeichnet worden. Das sie am Ende des Films verdient sterben, ist nur Folgerichtig. Das Drehbuch versucht aber nicht, die politischen Positionen beider Seiten herauszuarbeiten. So töten auch die Rebellen ihre Kriegsgefangenen, zumindest wird auf die Folter dank des Eingreifens Chamaccos verzichtet. Obwohl dieser zu Beginn des Films deutlich macht, das die meisten Soldaten Mexikos auch nur zum Dienst mit der Waffe gezwungen worden sind. Das Chamacco am Ende seinen persönlichen Rubikon überschreitet und eindeutig Position bezieht, hat sich schon länger abgezeichnet. Er sinkt allerdings auf das harsche Niveau seiner Mitrebellen zurück. Die Geste ist klar und nachvollziehbar, die Folgen eher simpel und zu wenig durchdacht. Das passt sich nahtlos in die ambivalente Haltung ein, welche das Drehbuch insbesondere Anthony Steffens in der tragenden Rolle entgegenbringt. Seine eigentliche Motivation ist stellenweise genauso unklar herausgearbeitet wie sein oft auf Zufällen beruhendes Vorgehen.
Die Actionszenen sind überzeugend und vor allem abwechselungsreich inszeniert. Bis auf wenige Szenen, in denen das offensichtlich begrenzte Budget klar erkennbar ist, hat Savona „Killer Kid“ sehr original inszeniert. Die Duelle finden sowohl in einer kleinen Stadt als auch in einem Talkessel statt. Wie es sich für die Italo- Western gehört, sterben die Komparsen teilweise ein wenig zu übertrieben, aber mit schnellen Schnitten und Wechseln der Perspektive bemüht sich der Regisseur, das Interesse der Zuschauer aufrechtzuerhalten. Zu den gelungenen Szenen des Streifens gehört neben dem Schusswettbewerb der Auszug der mexikanischen Dorfbevölkerung unter den theatralischen Klängen des eindringlichen Soundtracks aus ihrem Dorf. „Killer Kid“ gehört sicherlich und unbestritten zu den besseren Italo- Western mit einer soliden Besetzung und einigen interessanten Wendungen in der nicht immer schlüssigen Handlung. Im Subgenre des Revolutionswestern muss sich das Drehbuch allerdings Gefallen lassen, zu wenig durchdacht und stellenweise vor allem zu opportunistisch zu sein. Ihm fehlen die Originalität und die innere Kraft eines Leone oder Corbucci- Westerns.
Wie so oft hat Koch Media den Streifen bewundernswert restauriert und die fehlenden Szenen wieder nahtlos in das Original integriert. Die Farben sind kräftig und die Kontraste ausgesprochen scharf. Auch die wenigen Nachtszenen können mit ihrer Helldunkel – Schattierung überzeugen. Angeboten wird der Streifen in Dolby Digital 2.0. Die Dialoge sind klar verständlich und harmonieren gut mit dem Hintergrundgeräuschen. Zu den Extras gehört neben den in das Digipack eingedruckten Notizen Wolfgang Luleys eine Bildergalerie und der Originaltrailer. Ein zehnminütiges Interview mit Anthony Steffen kurz vor seinem Tod geführt rundet die Präsentation ab. Die Bildqualität ist nicht herausragend, aber Steffen präsentiert sich als amüsanter Erzähler, der weniger über seine Filme als seine Lebenserfahrungen und vor allem seine literarischen Arbeiten – einen Stadtführer über Punkte, die sich bei einem nächtlichen Rombesuch lohnen - erzählt. Das Interview ist in italienisch mit gut lesbaren Untertiteln.
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